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Full text of "Die Bewerthung von Weizen und Roggen auf den Weltmärkten im Erntejahre 1899/1900"






Die Bewerthung 
n Weizen und Roggen 

auf den Weltmärkten 
im Erntejahre \ 899/ \ 900. 



Paritätisch zusammengestellt 

von der 

Centralstelle der Preussischen Landwirthschaftskammern 

(Notirungsstelle). 



BERLIN NW. 

Im Selbstverlage des Verfassers 
1900. 



h-LQ^B^ 





Vorwort 



Ueber das Erntejahr 1899/1900 allein eine graphische Aufstellung der Ge- 
treidepreise zu geben, würde wohl die Centralstelle der Preussischen Land- 
wirthschaftskammern kaum unternommen haben, denn dieses Jahr bietet, für sich 
allein betrachtet, dem Beobachter zu wenig interessante Momente dar, als dass 
sich die Mühe einer derartigen Aufzeichnung lohnte. Die vorliegenden Tabellen 
können auch nicht als „vermehrte und verbesserte Auflage" früherer Veröffent- 
lichungen angesehen werden, sondern sie verfolgen nur den Zweck, einen fort- 
laufenden Vergleich der diesjährigen Weizen- und Roggenpreise an den Haupt- 
Handelscentren der Erde mit denen der früheren Jahre und innerhalb einer 
längeren Reihe von Jahren zu ermöglichen. Aus diesem Grunde sind genau 
dieselben Masse wie in den früheren Jahren genommen worden. So ist die 
Möglichkeit gegeben, dass man die einzelnen Tabellen mechanisch aneinander 
fügen und die Courven überschauen kann, ohne dass Berechnungen oder 
Reduzirungen auf eine besondere Einheit nothwendig sind. 

Seit Bestehen des Welthandels in Getreide ist eine so gleichmässige Ent- 
wickelung der Freise für Weizen und Roggen, wie sie im letzten Erntejahre 
stattgefunden hat, noch niemals zu konstatiren gewesen. Das hat seinen Grund 
wieder darin, dass wohl noch niemals vordem, seit ein internationaler Börsen- 
verkehr in Getreide existirt, sich in allen Ländern der Erde die Spekulation so 
einmüthig von dem Artikel Getreide zurückgezogen hat. Schon in dem Vorwort 
des vergangenen Jahres betonte ich, dass die spekulative Unternehmungslust, die 
sich früher vorzugsweise in Getreide engagirt hatte, sich mehr und mehr von 
den landwirtschaftlichen Rohprodukten zurückzuziehen anfing und sich mit 
Vehemenz an Montanwerthen, namentlich Kohlen und Eisen, an industriellen 
Unternehmungen, hauptsächlich solchen der elektrischen, chemischen und Trans- 
port-Industrie, oder auch an exotischen Staatsfonds betheiligte. Das damals Ge- 
sagte gilt für das laufende Jahr mit noch wesentlicher Verschärfung. Wir haben 
geradezu eine Hochkonjunktur vieler Industriezweige erlebt, die von den speku- 
lativen Geldkräften in ergiebigster Weise ausgenutzt wurde. 

Erst das Jahr 1900 hat vielen dieser spekulativen Unternehmungen den 
längst erwarteten Rückschlag gebracht. Es lässt sich nicht zahlenmässig fest- 
stellen, welche Grösse die Umsätze im internationalen Verkehr in Getreide noch, 
gehabt haben, sicher ist aber nach den Urtheilen aller in Betracht kommenden 
Sachverständigen, dass dieser Umfang nur wenige Prozent der sonst üblichen 
Grösse erreichen konnte. An sich betrachtet, muss es als vorwiegend vorteil- 
haft, sowohl für die Getreide produzirenden Kreise, als für die Mühlenindustrie, 
das Bäckergewerbe, wie namentlich auch für die Konsumenten von Brot hinge- 
stellt werden , wenn der Preis für Brotgetreide möglichst wenig 
schwankt, wenn der Getreidepreis innerhalb des ganzen Jahres stabil ist. Nur 
der Zwischenhandel und namentlich die Spekulation in Getreide kann dadurch 
Schaden leiden, denn diesen kommt es allein auf die zu erzielenden Preisdifferenzen 
an; je grösser diese sind, je öfter sie sich wiederholen, desto mehr Aussicht ist 



2 — 

vorhanden, dass der Gewinn an spekulativen Unternehmungen in Getreide zu- 
nimmt. Für die Produzenten von Getreide ist ein möglichst stabiler Preis das 
Vorteilhafteste. Im letzten Erntejahr freilich hat sieh die Preislinie auf einem 
unerwünscht niedrigen Niveau gehalten. Für die Berliner Linie kam hierbei noch 
in Betracht, dass ao der Berliner Börse Weizen lieferbar ist, der eine viel ge- 
ringere Qualität hat, als die Lieferungssorten an allen übrigen Handelsplätzen 
der Welt, und dies bedingt schon von vornherein, dass die Berliner Preislinie der 
Regel nach 10 — 12 INI. unter den übrigen Weltmarktslinien stehen muss. Die 
Qualitätsunterschiede werden sich in der Preisentwickelung in verschiedenen 
Jahren auch verschieden zeigen müssen, nämlich es wird die Höhe dieser 
Differenz immer davon abhängen, welche Durchschnittsqualität die einzelnen 
Länder in den betreffenden Jahren geerntet haben Hat z. B. Deutschland wenig 
schweren und kleberreichen Landweizen eingebracht, sondern sich mehr auf die 
Erzeugung stärkehaltiger, kleberarmer und daher sehr schwer backfähiger 
englischer Weizensorten gelegt, so wird naturgemäss die Qualitäts-Preis- 
Differenz eine grössere sein, als wenn der umgekehrte Fall zu konstatiren ist. 
Bei den paritätischen Berechnungen lässt sich aus diesem Grunde die Qualitäts 
Preis-Differenz nicht berücksichtigen. Die Arbitrage kann nur mit feststehenden 
Verhältnissen rechnen, bei der subjektive Urtheile ausgeschlossen sind. Man 
muss diese Qualitätsdifferenz berücksichtigen, will man die einzelnen Preislinien 
mit einander vergleichen; immerhin bleibt aber selbst dann noch zu konstatiren, 
dass im Auslande Weizen relativ höher stand als im Inlande. Auch das laufende 
Jahr hat also zur Augenscheinlichkeit bewiesen, dass keineswegs der vom Frei- 
handel aufgestellte Glaubenssatz Geltung hat: Inlandspreis = Auslandspreis -f- Zoll. 
Gilt dieser Satz nicht, so ist zugleich erwiesen, dass den grössten Theil des 
Einfuhrzolls von 35 M. pro Tonne nicht das Inland, sondern das Ausland auch 
im letzten Jahre gezahlt hat. Ein Vergleich zwischen der Preisentwickelung in 
Berlin, Paris und in Pest dürfte auch für die Z o 1 1 1 r a g e von grossem Interesse 
sein. Für Ungarn kommt als exportirendes Weizenland kein Zoll in Betracht, 
in Deutschland ist 35 M. pro Tonne Zoll zu zahlen, in Paris 56 l /2 M. (70 Frcs.) 
nro Tonne. Nichts destoweniger eröffnete das Erntejahr in Pest mit einem 
Weizenpreis von 157 M., in Berlin von 160 M. und in Paris von 161 M. pro Tonne 
und hielt sich diese Relation der Preise auch bis zum Ende des Kalenderjahres. 
Erst in der Zeit vom Januar bis zum Juni ist die Preisdifferenz zwischen Berlin 
und Pest eine der Höhe des Zolles entsprechende, in Paris sich konstant etwas 
über der Berliner Linie haltende. Man sieht hieraus, dass diese Preisentwickelung 
vor sich geht, ohne sich in die von den Zollpolitikern vorgeschriebenen starren 
Formeln bringen zu lassen. Es ist grundverkehrt, behaupten zu wollen, dass 
ein hoher Eingangszoll für Getreide den Getreidepreis im Inlande jedenfalls hebt. 
Das können wir, wie ein Blick auf die Tafel der Centralnotirungsstelle lehrt, 
ersehen, wo monatelang die Wirkungen der Zölle ausgeschaltet waren. 

Auch die diesmalige graphische Aufzeichnung lässt erkennen, dass die 
Form, in welcher das Getreidegeschäft an den einzelnen 
Plätzen betrieben wird, massgebend ist auch für die Preisbewerthung, 
für die Preishöhe selbst. Im vorigen Jahre hatten wir zu berichten, 
dass die Berliner Preiscourve gegenüber allen übrigen Linien fast gar 
nicht schwankte, und motivirten das damit, dass an den grossen internationalen 
Weltbörsen das Termingeschäft betrieben wurde, während diese Geschäfts- 
form in Berlin durch das neue Börsengesetz verboten ist. Wir sprachen 
damals unsere Meinung dahin aus, dass in Berlin die Preisschwankungen sicher- 
lich noch viel geringfügiger sein würden, wenn auch das das Termingeschäft 
ersetzende, sogenannte handelsrechtliche Lieferungsgeschäft in Getreide untersagt 
würde. Durch das Urtheil des I. Civilsenats des Reichsgerichts in Leipzig vom 
28. Oktober 1899 war diesem handelsrechtlichen Lieferungsgeschäft in Getreide 
jede rechtliche Basis genommen worden, der Getreidehandel musste befürchten, 



— 3 — 

dass in Berlin die spekulative Thätigkeit in Termingetreide vollständig aufhören 
würde, und dass nur, wie wir es gewünscht hatten, ein grösseres Lokogeschäft 
sich hier entwickeln würde. Der Berliner Getreidebörse wäre damit der Garaus 
in ihrer jetzigen Zusammensetzung gemacht worden. Um das zu verhindern, 
wurde vom 1. April 1900 der Ausstand der Berliner Börsen iirmen aufgegeben, von 
diesem Tage ab sowohl die Mittagsbörse, als der „Spezialmarkt für Waare in 
Berlin", der sogenannte Frühmarkt, neu ins Leben gerufen. Während früher die 
nach dem reichsgerichtlichen Erkenntniss als verboten anzusehende Geschäftsform 
von den Getreidefirmen insgeheim betrieben wurde und die jeweilig erzielten 
Preise nur mit Schwierigkeit für die Oeffentlichkeit ermittelt werden konnten, 
trat vom 1. April 1900 dieses handelsrechtliche Lieferungsgeschäft als eine von 
den Regierungsorganen sowohl wie von den Vertretern der Landwirtschaft, der 
Müllerei und der Kaufmannschaft geduldete Geschäftsform öffentlich wieder auf, 
und von diesem Tage an liegen denn auch wieder börsenamtliche Preisnotirungen 
für Berlin vor. Da mittlerweile der Handel sich an die Geschäftsform des soge- 
nannten handelsrechtlichen Lieferungsverkehrs in Getreide gewöhnt hat, kann es 
auch nicht verwundern, dass in dem letzten Berichterstattungsjahre die Berliner 
Weizenlinie fast durchweg die Schwankungen des Weltmarkts mitmachte, wenn 
auch nicht in dem Ausmasse, wie die übrigen Waarenbörsen, was namentlich 
darin seinen Grund hat, dass das grosse Publikum, die sogenannten Outsiders, 
nicht das handelsrechtliche Lieferungsgeschäft so betreiben können, wie früher 
vor dem Inkrafttreten des Börsengesetzes das börsenmässige Termingeschäft. 
Man muss bedenken, dass diese handelsrechtlichen Lieferungsgeschäfte in Getreide 
als rechtsungültige und rechtslose Spielgeschäfte seitens des Reichsgerichts an- 
gesehen werden, und dass daher die Getreidefirmen äusserst vorsichtig in der 
Wahl ihrer Geschäftskontrahenten sein müssen. Der hierdurch verringerte Ge- 
schäftsumfang sowohl nach der Grösse der in Betracht kommenden Mengen, wie 
nach der Anzahl der Persönlichkeiten erklärt, dass die Berliner Preisentwickelung 
zwar dem sogenannten Weltmarkt folgte, dass aber dieses Folgen nur zögernd 
und nur theilweise möglich ist. Würde in Berlin das sogenannte handelsrechtliche 
Lieferungsgeschäft ebenso wie das börsenmässige Termingeschäft verboten sein, 
so würde die Berliner Preisentwickelung eine noch viel ruhigere, stabilere werden 
müssen. Bei der angestrebten Reform des Börsengesetzes wird diese Frage wahr- 
scheinlich mit zur Erledigung kommen. 

Die Weizenpreise in Deutschland stehen Ende Juni 1900 fast genau so hoch, 
wie am 1. Juli 1899, nämlich ungefähr für Weizen 160 M. Der niedrigste Preis- 
stand in Berlin ist Anfang Dezember mit 147 M. zu konstatiren, der höchste 
Ende Juni 1900 mit 164 M. Die ganze Preisdifferenz zwischen dem höchsten 
und niedrigsten Tagespreise beträgt also im Laufe des Jahres nur 17 M. In anderen 
Ländern betragen diese Differenzen etwas mehr, z. B. schwankte Paris zwischen 
140 und 173 M., also um 33 M., New-York zwischen 165 und 199 M., also um 34 M. 
Aehnliches zeigen die übrigen Börsen. Im November und Dezember machte sich 
allgemein ein Rückgang der Weizenpreise bemerkbar, während sie im letzten Monat, 
also im Juni 1900, überall eine Aufwärtsbewegung unternehmen. Ersteres ist auf das 
Bekanntwerden der grossen Ernte in Argentinien zurückzuführen, die in den Jahren 

1892 . . . 1 589 400 Tonnen 

1893 . . . 2 242 600 

1894 . . . 1633 000 „ 

1895 . . . 1251900 „ 

1896 . . . 870 000 „ 

1897 . . . 1413 750 „ 

1898 . . . 2175 000 „ 

1899 . . . 2 827 500 „ 

betrug. Die Preiserhöhung am Schluss des Erntejahres stützte sich auf das Be- 
kanntwerden der geringeren Weizenernte im laufenden Erntejahre 1900/1901. Ehe 



— 4 — 

wu weitere Reflektionen machen, möchten wir uns einmal die Schätzung der 
Welternte vergegenwärtigen, die nach den neuesten statistischen Mittheilungen 
und der Korrektur der vorjährigen Zahlen folgendes Bild ergiebt: Die Weizen- 
Ernte ist zu schätzen in Tausenden von Tonnen ä 10 dz: 



1 1894/95 


1895/96 


1896/97 


1897/98 


1898/99 


1899/1900 1900/01 

Schätzung 


Russland 12.083.9 


10.821.0 ! 


10.657.5 


8.971.9 


11.962.5 


9.896.3 


9.787.5 


Frankreich . 








9.340.5 


9.209.9 


9.352.5 


6.742.5 


9.787.5 


9.950.6 


8.231.5 


Ungarn . . . 








, 4.147.7 


4.147.7 


3.806.2 


2.610.0 


3.262.5 


4.078.1 


3.936.7 


Italien . . . 








3.211.5 


3.048.2 


3.806.2 


2.392.5 


3.045.0 


3.480.0 


3.189.8 


Deutschland 








3.012.3 


2.807.6 


3.008.4 


2.913.3 


3.292.9 


4.323.5 


3.939.7 


Spanien . . 








1 2.830.5 


2.830.5 


2.175.0 


2.392.5 


2.610.0 


2.501.2 


2-610.0 


Rumänien 








1.154.0 


1.796.3 


1.875.9 


1.087.5 


1.522.4 


706.8 


1.500.7 


England . . 








1.611.1 


1.034.2 


1.576.8 s 


1.468.1 


1.957.5 


1.794.4 


1.413.7 


Oesterreich . 








1.284.6 


1.099.5 


1.033.1 ; 


1.087.5 


1.196.2 


1 348.5 


1.141.9 


Bulgarien . 








979.8 


1.251.9 


1.359.3 1 


870.0 


1.196.2 


761.3 


1.087.5 


Türkei . . . 








762.0 


979.8 


1.087.5 


761.2 


978.8 


652.5 


870.0 


Belgien . . 








500.8 


500.8 


543.7 


543.8 


543.8 


326.2 


326.2 


Serbien . . 








217 7 


272.2 


271.8 


184.7 


315.3 


271.8 


326.2 


Griechenland 








196.0 


163.3 


163.1 


1414 


163.1 


163.1 


163.1 


Portugal . . 








185.1 


152 4 


108.7 


163.1 


163 1 


108.8 


108.8 


Holland . . 








130.6 


141.5 


163.1 


141.4 


152.3 


141.4 


108.8 


Schweiz . . 








141.5 


130.6 


1305 


108.8 


108.8 


108.8 


108.8 


Dänemark . 








108.9 


119.8 


108.7 j 


108.8 


108.8 


108.8 


108.8 


Schweden/Norwegen . 


98.0 


119.8 


108.7 


1088 


108.8 


108.8 


108.8 


Europa 


41.996.5 


40.627.0 


41.336.7 


32.797.8 


42.475.5 


40.830.9 


39.068.5 


Amerika 
















Vereinigte Staaten . . 


i 12.427.2 


12.611.8 


11.534.0 


14.314.0 


18.245.7 


14.777.2 


13.735.8 


Argentinien . . . 




1.633.0 


1.251.9 


870.0 


1.413.7 


2.1750 


2.827.5 


2.827.5 


Kanada . . . 






1.197.5 


1.469.7 


1.033.1 


1.522.5 


1.631.3 


1.740.0 


1.305.0 


Chile .... 






359.2 


370.1 


326.2 


380.6 


435.0 


326.2 


326.2 


Mexico .... 






326.6 


326.6 


271.8 


326.3 


326.3 


326.2 


435.0 


Uruguay . . . 






217.7 


272.2 


163.1 


271.9 


326.3 


326.2 


435.0 


Asien 


• 














Indien 


6.880.2 


6.945.5 


5.568.0 


5.220.0 


6.742.5 


6.416.3 


5.002.5 


Klein-Asien 


762.0 


860.9 


978.7 


1.305.0 


1.305.0 


1.087.5 


1.087.5 


Persien ' 489.9 


5543 


543.7 


543.7 


543.8 


5438 


652.5 


Syrien 


272.2 


272.2 


326.2 


326.3 


326.3 


326.2 


435.0 


Afrika 
















Algier 


544.3 


489.9 


543.7 


435.0 


543.8 


326.2 


435.0 


Egypten 272.2 


272.2 


217.5 


217.5 


271.9 


271.9 


326.2 


Tunis 1633 


152-4 


163.1 


130.5 


163.1 


217.5 


217.5 


Kap-Kolonie .... 1 130.6 


130.6 


119.6 


130.5 


163.1 


108.8 


108.8 


Australien . 903 .0 


685.8 


717.7 


1 859.1 


1.087.2 


1.522.5 


1.522.5 


Ausserhalb Europas . 26.579.5 


26 666.1 


23.376.4 


28.396.0 


34.286.3 


31.144.0 28.852.0 


Tnggesamn 


lt 






68.576.0 


67.293.1 


64.713.1 


61.194,1 


70.701.8 


71.974.9 


67.920.5 



— 5 — 

Koggen. 

in Tausenden von Tonnen ä dz: 



Staat 



1893/94 1894/9c 



1895/96 



1896/97 



1897/98 1898/99 1899/1900 



Belgien : 

Bulgarien 

Dänemark 

Deutschland . . . . 

Finland 

Frankreich 

Griechenland . . . . 
Grossbritannien . . . 

Italien 

Niederlande . . . . 
Oesterreich-Ungam . . 

Portugal 

Rumänien 

Russland (europ. mit 

Polen u. asiatisches) 

Schweden-Norwegen . 

Schweiz 

Serbien 

Spanien 

Türkei 

Europa . . 



493.9 
198.9 
509.8 ! 

7.460.4! 
274.5 

1.634 6 



48.8 
115.7 
309.3 
3.445.9 1 
126.9 1 
198.1! 



536.7 
198.9 
432.0 

7.075.0 
308.4 

1.903.2 

.7 

48.8 

110.8 

307.8 

3.601.6 
126.9 
148.4 



534.7 
198.9 

477.7 

6.595 8 

334.6 

1.824.7 

.7 

50.0 

103.1 

319.8 

2.851.7 

126.9 

238.1 



559,6 
198.9 
521.3 

7.232.3 
345.4 

1.772.2 

6ölo 

100.0 
342.9 
3.184.8 
126.9 
314.3 



19.423.0 22 728.7 20.351.6 20.054.0 



607.9 i 506.8 496.5 



45.1 

33.41 

500.0 

350.0; 



50.1 
30.3 

448.5 
350.0 



43.4 

30.3 

446.1 

350.0 



610.8 

39.8 

30.3 

397.7 

350.0 



476.0 
198.9 
470.4 

6.932.5 
300.0 

1.212.6 

.7 

65.0 

100.0 

272.5 

2.529.2 
126.9 
174.8 

16.618.0 



480.0 

380.0 

480.0 

7.532.7 

300.0 

1.674.9 

.7 

50.0 

170.0 

300.0 

3.227.8 

70.0 

191.4 

18.379.9 



606.9 650.0 



48.4 
30.3! 
400.0 
350.0 



35.0 

35.0 

580.0 

450.0 



500.0 

200.0 

420.0 

8.675.8 

300.0 

1.794.0 

.7 

42.0 

80.0 

300.0 

3.362.6 

50.0 

49.9 

23.144.9 

650.0 

30.0 

50.0 

450.0 

385.0 



Canada .... 
Japan 

Vereinigte Staaten 

Ausser-Europa 
Weltproduktion . 



35.776.9 38.913.6 

.2 .3 

53.0 53.0 

799.4 951.3 

674.81 679.1 



35.374.6 36.246.9 30.913.1 34.987.4 



.2 

53.0 

912.6 

691.5 



.2 .2 

53X) 53X) 

770.4 i 770.0 

619.3 i 695.1 



.2 

53.0 
770.0 
692.7 



40.484.9 

.2 

78.0 
770.0 
647.0 



1.527.4 

37.304.3 



1.683.7 1.657.3 1.442.9 1.518.3 



40.597.3 37.031.9 37.689.8 32.431.4 



1.515.9 

36.503.3 



1.495.2 
41.980.1 



Hiernach ist es ausser aller Frage, dass im Jahre 1899/1900 die Weizenernte 
über 4 l /a Millionen Tonnen geringer gewesen ist, als im Jahre vorher, 
d. h. also um mehr, als in Deutschland im Durchschnitt Weizen produzirt wird. 
Obgleich die Schätzungszahlen der neuen Ernte eigentlich mit den ziemlich 
genauen definitiven Erntezahlen der vorigen Jahre nicht verglichen werden 
können, so haben wir in die diesmalige Tabelle die Schätzung des laufenden 
Erntejahres doch aufgenommen, vornehmlich aus dem Grunde, um damit zu er- 
klären, weshalb in beifolgender Tafel die Weltmarktspreise am Schluss durchweg 
eine erhebliche Erhöhung des Preisniveaus für Weizen zeigen. An den Börsen 
wird in viel erheblicherem Masse mit Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten 
gerechnet, als mit Thatsachen. Man eilt in den Preisbewerthungen den Thatsachen 
voraus, sodass das fait accompli gewöhnlich keinen bemerkbaren Einfluss mehr 
auf die Preisbewegung hat. Die Preisbewegung im Monat Juni 1900 wäre unver- 
ständlich, wollte man die Schätzung der Ernte des Jahres 1900/1901 ausser Betracht 



6 - 



lassen. Bei den Schätzungen der neuen Ernte sind einzelne Faktoren vollständig 
in der Luft schwebend, wie z. B. die Sehätzung für Argentinien und Indien, die 
sich erst im Monat Dezember einigermassen überschauen lassen. Es sind aus 
diesem Grunde die vorjährigen definitiven Zahlen mechanisch in die Tabelle ein- 
gefügt worden. In Argentinien wird man wahrscheinlich im laufenden Jahre mit 
einer beträchtlich erhöhten Anbaufläche zu rechnen haben, da die hohen Preise, 
die argentinischer Weizen im vorigen Jahre auf dem Weltmarkte erzielte, zu 
einer Vergrößerung dos Anbauareals zu reizen pflegten. Es wird sich nur 



fragen, wie der 



pro angebauten Hektar sein wird. Zweifellos aber ist, 



dass die Welt-Ernte des laufenden Jahres hinter der des Vorjahres beträchtlich 
zurückbleiben wird. Wir schätzen den Ausfall gegen das Vorjahr auf 4 Millionen 
Tonnen gegen vor 2 Jahren auf 8% Millonen Tonnen. 

Die Höhe der Getreidepreise hängt aber nicht ausschliesslich von der 
grösseren oder geringeren Welternte ab. sondern es kommen namentlich auch 
hierbei die Lagerbe stände in Betracht, die von früheren Erntejahren mit in 
das neue Jahr hinüber genommen werden. Zahlenmässig genau lassen sich leider 
diese Getreidelager nicht angeben, man kann sich aber über den relativen Um- 
fang ein annähernd richtiges Urtheil bilden, wenn man die Mengen miteinander 
vergleicht, die als sogenannte sichtbare Vorräthe bekannt werden. Die Zahlen 
von Amerika, sowie Deutschland, England, Frankreich, Holland, Russland addirt, 
ergeben am 1. Juli der letzten neun Jahre folgendes Bild in Tonnen: 

1900 . . . 3 371 685 1897 . . . 1 970 768 1894 . . . 4 186 223 

1899 . . . 2 988 885 1896 . . . 3 105 900 1893 . . . 4 378 275 
1898 . . . 2 038 627 1895 . . . 3 811687 1892 . . . 3 340 800 
Was den Konsum betrifft, so ist nicht nur die zahlenmässig nachgewiesene 
Vermehrung der Bevölkerung in Betracht zu ziehen, sondern auch der 
Umstand, dass die Erhöhung der Lebenshaltung in den meisten Kultur- 
staaten eine Vermehrung des Brotgenusses zur Folge hat, und dass namentlich auch 
grosse Länderstrecken, z. B. in Indien und Ostasien, die sich bisher fast ausschliesslich 
mit Reis nährten, zur Brotnahrung übergingen. Von einer Ueberproduktion in 
Getreide kann im Ernst nicht die Rede sein, wenn wir auch zugeben wollen, 
dass der gleichzeitig vermehrte Anbau von Kartoffeln und Obst andererseits in 
Berücksichtigung gezogen werden muss. 

Auch ein anderes Moment spiegelt sich in beifolgenden graphischen Tafeln 
wieder, nämlich die Erhöhung der Frachtraten von Amerika und Russ- 
land. Der Krieg zwischen England und Transvaal hat diese Erhöhung in erster 
Linie veranlasst. Die Raten haben sich wie folgt gestellt für 1 Tonne: 




1900 



Odessa 
1899 



1898 



1. Januar . . 
1. Februar 
1. März . . 
1. April . . 
1. Mai . . . 
1. Juni . . . 
1. Juli . . . 
1. August . . 
1. September 
1, Oktober . 
1. November 
1. Dezember. 



14.75 
16.50 
18.85 
18.85 
16.50 
17.65 
16.50 
19.45 
20.05 
21.80 



17.10 
15.30 
15.30 
14.15 
12.35 
14.75 
14.15 
15.30 
14.15 
15.90 
15.30 
15.30 



16.50 
14.75 
16.50 
15.90 
13.55 
16.50 
13.55 
12.35 
14.15 
18.85 
21.20 
19.45 



9.25 
9.25 
10.75 
10.50 
9.25 
12.75 
12.75 
11.75 
15.25 
18.75 



11.75 

10.25 

8.50 

8.25 

10.25 

9.75 

4.25 

8.25 

11.25 

12.25 

11.25 

9.75 



10.— 

10.— 

9.50 

9.50 

15.- 

15 — 

15.— 

15.— 

9.75 

13.25 

13.75 

11.25 



7 — 



Uns interessiren naturgemäss hier am meisten die deutschen Preislinien und 
der Vergleich dieser mit den Weltmarktlinien insofern, als letztere auf die 
deutsche Preisbewerthung von bemerkbarem Einfluss sind. Dieser Einfluss ist 
unverkennbar und auch nur sehr natürlich, weil es sich um einen grossen inter- 
nationalen Welthandelsartikel wie Weizen handelt. Schon aus der Aufstellung 
der Welternte kann man ersehen, dass von der Gesammtproduktion auf der Erde 
ungefähr 5.8 Prozent auf Deutschland kommen. Deutschland musste seit einer 
langen Reihe von Jahren Weizen vom Auslande importiren. Die Statistik für 
Deutschland ergiebt für die letzten Jahre folgenden Vergleich : 



Jahrgang 


1893/94 1894/95 


1895/96 j 1896/97 


1897/98 


1898/1899 1899/1900 


Einwohnerzahl 


! 








des Reichs in 














Tausend 


50 757 51339 


52 001 52 735 


53 514 


54 238 55 052 




Roggen 


Anbau ... ha 


6 012 315 6 044 568 


5 893 596 ! 5 982 180 


5 966 775 


5 945 191 


5 871243 


Ernte .... 


to 


7 460 383 


7 075 020 


6 595 758 i 7 232 320 


6 932 506 


7 532 706 


8 675 792 


Vom Hektar 




1.24 


1.17 


1.12] 1.21 


1.19 


1.33 


1.28 


Mehreinfuhr 




141 709 


589 887 


827 078 1 759 379 


590 307 


432 584 


535 667 


Verfügbar . 




7 602 092 


7 664 907 


7 422 836 7 991699 


7 522 813 


7 965 290 


9 211459 


Aussaat . . 




1 022 879 


1 027 577 


1001911 1016 972 


1 014 352 


1 010 682 


1 000 000 


Verbrauch . 




6 579 213 


6 637 330 


6 420 925 


6 974 727 


6 508 461 


6 954 608 


8 211459 


per Kopf . 


kg 


130 


129 


124 


132 


122 


128 


149 




Weizen mit Spelz 


Anbau . . .ha 


2 393 144 


2 326 036 


2 270 537 | 2 249 886 


2 247 285 


2 296 796 


2 344 762 


Ernte . . . 


to 


3 417 975 


3 438 910 


3 182 132 ! 3 331 203 


3 259 996 


3 719 352 


4 323 542 


Vom Hektar 




1.43 


1.48 


1.45 


1.56 


154 


1.67 


1.67 


Mehreinfuhr 




728 058 


1171343 


1 465 149 


1345 270 


1 019 740 


1 423 215 


1 057 877 


Verfügbar . 




4 146 033 


4 610 253 


4 647 281 


4 676 473 


4 279 736 


5 142 567 


5 381 419 


Aussaat . . 




417 719 


405 802 


396 380 


392 125 


391 751 


400 115 


403 100 


Verbrauch. 




3 728 323 


4 204 451 


4 250 901 


4 284 348 


3 887 985 


4 742452 


4 978 319 


per Kopf . 


kg 


73 


82 


82 


81 


73 


87 


90 



Es ist hiernach unverkennbar, dass sowohl Weizen als Roggen importirt 
werden musste. Leider lässt sich auch nicht annähernd genau feststellen, wie 
gross wohl die Mengen gewesen sind, die von dem oben als zur Verfügung des 
Konsums stehenden Brotgetreide nicht zur menschlichen Nahrung, sondern zu 
Fütterungszwecken benutzt worden sind. Die Meinungen gehen nach dieser Rich- 
tung hin noch weit auseinander, von autoritativer Seite aber ist festgestellt 
worden, dass die zum Viehfutter dienenden Mengen Brotgetreide wahrscheinlich 
sehr gross sind, und für den Fall, dass andere Futtermittel an Stelle dieses Brot- 
getreides treten, dieses allein hinreichen würde, um den Import vom Auslande 
unnöthig zu machen. Wenn die Steigerung des Ertrags pro Hektar in derselben 
Weise steigt, wie in den letzten 20 Jahren, und die Oedländereien u. s. w. in dem- 
selben Masse weiter unter Kultur gebracht würden, so würde es sogar möglich 
sein, der konstanten Bevölkerungszunahme gegenüber im Inlande selbst so viel 
Getreide zu produziren, wie verbraucht wird. Der Brutto-Import in Deutschland 
hat in den letzten Jahren noch wie folgt betragen in Tonnen: 



— 8 — 

Weizen Roggen 

1899/1900 1323 282 626 307 

1898/99 1602 791 728 349 

1897 98 1289 313 894 603 

1896/97 1493 432 973 723. 

Ein grosser Theil dieser Importe war nothwendig, namentlich weil die inten- 
sivere Landwirthschaft, hauptsächlich der Anbau von Zuckerrüben, eine anders 
geartete Feldbestellung vorthcilhai't erscheinen lässt, nämlich den Anbau von 
stärkehaltigen Weizenarten, die zwar an sich grosse Hektar- Ausbeuten ergeben, 
die aber für sich allein vermählen ein schlechtes Brot geben, da sie äusserst 
kleberarm sind. Zu diesem Getreide wird, um ein gut backfähiges Mehl zu er- 
zeugen, vielerseits Auslandsgetreide zugemischt, das besonders reich an Kleber 
ist, also z. ß. die Mehrzahl des am Azow- und Schwarzen Meere, an der Wolga 
und in den Douau-Tiefländern, wie auch zum Theil in Amerika gebauten Weizens. 
Es würde hier zu weit führen, die einzelnen Qualitäten namhaft zu machen, es 
genügt hier zu konstatiren, dass diese ausländischen Getreidesorten nothwendig 
sind, solange nicht mehr in Deutschland selbst die feinen Landweizensorten an- 
gebaut werden. Diese deutschen Landweizen sind gleichfalls sehr kleberreich 
und eignen sich daher ebenso wie die ausländischen zur Mischung für die so- 
genannten englischen Weizen. Namentlich in der laufenden Berichtsperiode ist 
der Anbau dieser kleberarmen und stärkereichen Weizensorten absolut und relativ 
grösser gewesen, als dies jemals vordem der Fall war, und dieser Umstand wieder 
hat auch für die gesammte Preisbildung in Deutschland eine hervorragende Rolle 
gespielt. 

Es kommt beim Vergleich von Preisnotirungen selbstverständlich in erster 
Linie mit darauf an, für welche Qualitäten Getreide die betreffenden Preise 
gelten. Der Typ oder der Standard ist ausschlaggebend für die Beurtheilung, 
ob an diesem oder jenem Orte Getreide relativ höher bewerthet wird, als an einem 
anderen. Wenn z. B. in New -York Red Winter Wheat No. II Kontraktwaare 
gehandelt wird, und wenn diese hochfeine Weizensorte, ehe sie als Börsenwaare 
gelten kann, noch von Sachverständigen begutachtet werden und auf Bodenlager 
liegen muss, muss der New Yorker Weizenpreis relativ höher sein, als z. B. der 
Berliner Weizenpreis , der sich auf eine Qualität bezieht, an die nur sehr 
geringe Ansprüche gemacht werden. Sie muss nämlich nur „gut , gesund, 
trocken" sein und 755 gr per Liter wiegen. Diese Bedingungen erfüllen auch 
Weizensorten, die als backtähig für sich allein vermählen überhaupt nicht gelten 
können. Würden in Berlin ähnlich hohe Ansprüche an die Börsentype gestellt 
werden wie in New York, so würden die Preise wahrscheinlich auf demselben 
Niveau stehen, während unter den thatsächlich bestehenden Verhältnissen dies 
ganz ausgeschlossen ist. Ein grosser Theil der oben angeführten Importe von 
Brotgetreide nach Deutschland sind sogenannte Qualitätsimporte. Ich habe 
an anderer Stelle vorgeschlagen, dass man an den deutschen Märkten gleichfalls 
mindestens 2 Notirungen einrichte, nämlich einen Weizenpreis für die den Börsen- 
ansprüchen gerechtwerdende Waare und einen für feinen Landweizen. Mein Vor- 
schlag würde der deutschen Landwirthschaft Millionen von Verlusten ersparen, 
die sie heute rechnungsmässig hat, denn beim Verkauf der feinsten Landweizen 
wird auf den Höfen gewöhnlich die Preisnotiz an einem grossen Handelsplatz, 
früher namentlich von Berlin, zu Grunde gelegt und nur hier und dort Kleinig- 
keiten über diese Notiz bewilligt, während thatsächlich die feinen Landweizen 
10—15 M. höher beim Einkauf bezahlt werden müssten, als der Börsen -Typ 
Weizen. Aehnliche Verhältnisse herrschen auch, wie ich hier einschaltend be- 
merken will, in anderen Ländern und haben dort gleichfalls zu grossen Agita- 
tionen Veranlassung gegeben. Erst vor wenigen Tagen hat der Pester Börsen- 
rath beschlossen, an der Pester Weizenbörse nicht mehr wie bisher ausschliesslich 
eine Typenwaare zu handeln, sondern vom 1. November ab täglich neben der 



- 9 — 

internationalen Type auch die ungarische Durchschnittsqualität zu notiren. Dieser 
Beschluss des Börsenvorstands ist nur der „Noth gehorchend" gefasst worden, man 
konnte sich dem gewaltigen Andrang der ungarischen Landwirtschaft sowie der 
Mühlenindustrie nicht mehr entziehen. 

Aehnliches bereitet sich jetzt in Wien vor, wo eine grosse Enquete über 
den börsenmässigen Terminhandel in landwirtschaftlichen Produkten z. Zt. tagt, 
die als Vorgängerin einer Reorganisation der Wiener Getreidebörse nach der 
Richtung hin anzusehen ist, dass dort gleichfalls mehrere Sorten Weizen börsen- 
amtlich zur Notiz gelangen. Man sieht, die gleichen Schäden machen sich in 
vielen Ländern bemerkbar, und erst nach und nach mit zunehmender Erkenntniss 
und Ausbildung in kaufmännischen Dingen kann die deutsche Landwirtschaft 
hierin die nothwendigen Reformen in die Wege leiten. 

Ich habe weiter oben gesagt, dass die Berliner Preislinie für Weizen zwar 
in Vergleich zu allen übrigen Linien die ruhigste Entwicklung zeige, dass aber 
das leider noch immer geduldete Surrogat für das im Börsengesetz verbotene 
börsenmässige Termingeschäft in Getreide , das sogenannte handelsrechtliche 
Lieferungsgeschäft, einer weiteren Stabilisirung der Berliner Preise entgegen- 
wirke. Die Landwirtschaft hat daher das höchste Interesse daran, dass auch 
diese Gesetzesumgehung ausdrücklich verboten wird; es werden sich die hierauf 
bezüglichen Agitationen wohl am Besten bis zu dem Moment vertagen lassen, an 
welchem von den Börseninteressenten selbst die Reform des Börsen- 
gesetzes im Reichstage mit Hochdruck betrieben wird. Bis dahin wird man gut 
thun, sich ausschliesslich in defensiver Stellung zuhalten. Sollte aber eine Reform 
des Börsengesetzes thatsächlich vorgenommen werden, so wird es nothwendig sein, 
auch den § 50 Absatz 3 etwas zu erweitern, nämlich dahin, dass nicht nur die 
Form des börsenmässigen Termingeschäfts in Getreide, sondern alle dieser 
Geschäftsform ebenbürtigen Ueschäftsarten absolut verboten werden , also auch 
das jetzt geduldete handelsrechtliche Lieferungsgeschäft in Getreide. Eigentlich 
ist es für einen Rechtsstaat, wie Preussen es ist, als selbstverständlich anzu- 
nehmen, dass eine erwiesenermassen ausschliesslich zur Umgehung eines be- 
stehenden Gesetzes neuerfundene Geschäftsform von den Behörden überhaupt 
nicht geduldet würde, aber man hat hier eigenartigerweise eine Ausnahme ge- 
macht. Gelegentlich der Reform des Börsengesetzes wird man dieser Ausnahme 
ein Ziel setzen müssen und vollständig reinen Tisch schaffen. Gleichzeitig wird 
bei der Reform des Börsengesetzes anzustreben sein, dass an den deutschen 
Börsen, wie an einer ganzen Anzahl ausländischer Börsen, anzugeben ist, welche Um- 
sätze an den Börsen gemacht wurden. DieserDeklarationsz wang besteht 
an den grössten Börsen der Welt, z. B. in New York und Chicago und das hat seinen 
guten Grund. Nur in Deutschland befürchten die Behörden, dass sich der Handel 
gegen derartige Bedingungen sträuben würde, während in anderen Ländern der 
Handel freiwillig und selbstverständlich sich nützlichen Kontrolen unterwirft. 
Um ein Beispiel zu erwähnen, wird in New York jedes an der Börse gemachte 
Getreidegeschäft sowohl von dem Käufer als dem Verkäufer an einem bestimmten 
Orte in der Börse zur amtlichen Buchung gemeldet Es ist fast undenkbar, dass 
muthwillig diese Meldung jemals unterlassen werden würde; aber die Kaufleute 
haben selbst dafür gesorgt, dass ^ine derartige Unterlassung für den Betreffenden 
von dem grössten Nachtheil begleitet ist, insofern nämlich, als bei etwa vor- 
kommenden Streitigkeiten über das von einer Seite nicht angemeldete Geschäft, 
die Nichtnotirung die Folge hat, dass das Geschäft als nicht bestehend, als 
rechtlos angesehen wird. Das Börsenschiedsgericht, die I. Instanz in Börsen- 
streitigkeiten, verlangt von beiden Geschäftskontrahenten den Nachweis, dass sie 
am Tage des Abschlusses an der Börse selbst diese Abschlüsse zur Notiz gebracht 
haben. Ich meine, was in dem freien Amerika von Kaufleuten selbst als in ihrem 
Interesse liegend und als selbstverständlich betrachtet wird, dürfte, auf deutsche 
Verhältnisse angewendet, gleichfalls von wohlthätigen Folgen begleitet sein. An 



— 10 — 

Stelle der jetzigen Geheimnissthuerei würde ein offener Verkehr treten, der nur 
dem Ansehen der Börse meines Eraehtens nützen kann. Gelegentlich der Revision 
dea Börsengesetzes wird man auch diesen Börsen-Deklarationszwang endgültig 
an den deutschen Börsen einzuführen haben. Hiermit dürfte ein weiterer Schritt 
zur Gesundung des deutschen Getreideverkehrs in die Wege geleitet werden 
können. 

Ich habe vor Kurzem in einer Broschüre, betitelt: „Die Börsen-Juristen 
gegen das Reichsgericht" nachgewiesen, worin die heutige Rechtsunsicherheit im 
Börsengeschäft in erster Linie ihre Ursache hat und welche Wege einzuschlagen 
sind, um zu geordneten Verhältnissen zu gelangen, die sowohl den modernen 
Rechtsanschauungen entsprechen, als auch zu einem Kompromiss der einander wider- 
streiteuden Interessen führen könnten. Eine alle Kreise befriedigende Lösung 
wird nie zu finden sein, es werden Konzessionen hüben und drüben gemacht 
werden, aber doch verlangt werden müssen, dass. was einmal zu Recht besteht, 
was in Deutschland Gesetzeskraft erlangt hat, auch wirklich ehrlich durchgeführt 
und nicht wie bisher auf Schleichwegen umgangen wird. An Stelle der Termin- 
Spekulation in Börsen-Typen- Waare, die sich überlebt hat, und an deren nivelli- 
rende Thätigkeit heute im Ernst niemand mehr glaubt, wird nach und nach wieder 
das reelle Zeitgeschäft, das Lieferungsgeschäft", in wirklich vorhandener Waare treten 
— das besorgt schon die gleichmässig in allen Ländern der Erde sich ausbreitende 
und mehr und mehr um sich greifende Agitation gegen den Typenverkehr. Einst- 
weilen als erste Etappe ist anzusehen, dass man in Produktionsländern dazu 
übergeht, anstatt einer Börsen-Type mehrere Typen gleichzeitig nebeneinander 
zu handeln, nämlich eine solche, die für den internationalen Terminhandel gilt 
und mehrere andere Typen, die nur einheimischen Produkten entsprechen. In 
Ungarn geht der Vorschlag dahin, etwa 6 verschiedene Sorten Weizen in Pest zu 
handeln, und da die ungarischen Mühlen ausschlaggebende Bedeutung haben und 
auch ziemlich einmüthig vorgehen, werden sie wahrscheinlich auch ihren Zweck 
dort erreichen. Ohne mit besonders prophetischem Blick begabt zu sein, wird 
man annehmen dürfen, dass nach und nach der Handel in den internationalen 
Spieltypen sich auf wenige Interessentenkreise beschränken wird, während das 
Geschäft in den einheimischen Typen, nach und nach vervollkommnet, von selbst 
zu einem wirklichen Lieferungshandel mit der Zeit führen wird, und damit würde 
auch die Zeit der nervösen Hin- und Herschwankungen, die die Tagesspekulation 
veranlasst, vorüber sein. Ein Blick auf die graphischen Tafeln der Centralstelle 
der Preussischen Landwirthschaftskammern zeigt, dass diese Tagesschwankungen 
nutzlos hin- und hervibriren, nur den einen Zweck verfolgend, das Differenzspiel 
der Tagesspekulation zu ermöglichen und möglichst nutzbringend zu gestalten. 
Roggen, der, wie schon gesagt, als grosser Konsumartikel gegenüber der Speku- 
lationswaare Weizen anzusehen ist, schwankt deshalb auch viel weniger im Preise 
als Weizen. Die Roggenpreistafel zeigt fast gerade Linien, und wenn hier und 
dort Schwankungen zu verzeichnen sind, so ist es nicht schwer, in jedem Falle 
den Grund für niese anzuführen , während dies bei den Weizenpreisen un- 
möglich ist. es sei denn, man wolle als Motiv die jeweilige Unternehmungslust 
der Tagesspekulation gelten lassen. Der Weizenpreis hängt zum grössten Theil 
von der „Meinung" der Spekulation ab, der Roggenpreis der Hauptsache nach von 
den thatsächlichen Verhältnissen. Je mehr sich der Verkehr in Weizen dem von 
Roggen in der äusseren Form nähert, je mehr werden auch die Preiscurven 
Aehnlichkeit erhalten. Heute sind die preisbildenden Faktoren für Weizen an den 
Terminbörsen centralisirt, sie bestimmen für die weiten Länder des Erdballs die 
Höhe der Preise je nach „Meinung", und wie dies im Weltmarkt der Fall ist, so 
is1 es auch innerhalb der einzelnen Länder. Die Börsenplätze sind Mittelpunkte 
grosser Interessensphären, von ihnen aus wird der Weizenpreis auch in Deutsch- 
land diktirt, während z. B. in Roggen der Verkehr schon heute so decentralisirt 
ist, dass der Börsenpreis nur in geringfügigem Masseins Gewicht fällt. Zu dieser 



— 11 — 

Decentralisation den Hauptanstoss gegeben zu haben und dureh die Ausgestaltung 
des Notirungswesens sowohl in einzelnen Provinzen, als zusammenfassend in 
in einer Tabelle über alle Provinzen Preussens, den lokalen Verhältnissen wieder den 
ihnen zukommenden Einfluss gesichert zuhaben, ist namentlich durch die Central- 
notirungsstelle der Preussischen Landwirthschaftskammern ins Werk gesetzt 
worden. Es ist hier nicht der Ort, des Weiteren auszuführen, wie diese Dezen- 
tralisation des Getreideverkehrs der Preisgestaltung im Inlande zu gute gekommen 
ist; aber in der Stabilität der Roggenpreise ist unverkennbar der Nachweis ge- 
liefert, dass schon heute die Spekulation an einzelnen Börsenplätzen nur Augen- 
blickserfolge in der Preisgestaltung haben kann. Mit urwüchsiger, elementarer 
Macht wird der Roggenpreis heute in Tausenden von Marktorten Preussens be- 
stimmt, ganz unbeeinflusst davon, ob der Berliner Terminmarkt Hausse oder 
Baisse in Roggen meldet. Ich will am Schluss noch der Hoffnung Ausdruck 
geben, dass diese jetzt noch fortschreitende Decentralisation nicht gelegentlich 
einmal von den führenden Geistern der Landwirtschaft unterschätzt werden 
möge, ich halte sie für einen der wichtigsten Akte der Selbsthilfe und beurtheile 
ihren materiellen Erfolg für die Landwirthschaft ähnlich hoch, wie die Wirkung 
der deutschen Getreidezölle. 

Es wird gut sein, wenn die Centralstelle der Preussischen Landwirthschafts- 
knmmern die buntfarbige , graphische Darstellung der Getreidepreise weiter 
fortsetzt. Noch so ausführliche zahlenmässige Tabellen vermögen nie so 
ursprünglich und ich möchte sagen handgreiflich zur Darstellung zu bringen, wie 
die Preisschwankungen geartet gewesen sind, wie oft sie in Erscheinung getreten 
sind und wie sie sich zu einander in Relation gestellt haben. 

Am Schluss möchte ich noch einen kurzen Hinweis geben, in welcher 
Weise seit 1. April 1900, also seit dem Tage, an welchem die Berliner Getreide- 
händler ihren öffentlichen Verkehr wieder aufnahmen, sich dieser gestellt hat. 
Man richtete damals die Mittagsbörse unter Duldung des sogenannten 
handelsrechtlichen Lieferungsgesehäfts von Neuem als Termin- Markt ein 
und schuf einen neuorganisirten Frühmarkt, auf dem sich das Effektiv - 
Geschäft in Getreide abspielen sollte. Letzterer erhielt deshalb auch eine 
besondere Notirungskommission. Die von den Interessentenkreisen gewünschte 
Trennung des Geschäfts ist aber nicht erfolgt, der ausschliesslich für das 
Waarengeschäft eingerichtete Früh-Markt ist nichts weniger als ein Waarenmarkt 
geworden, sondern zu einer Vorbörse degradirt worden, auf der hin und wieder 
auch der Detailhandel wirkliches Getreide und Fourage umsetzt. Ich hatte es als 
selbstverständlich angenommen, dass auf dem Frühmarkt nur Preise für in 
Berlin nachweislich vorhandenes Getreide, sogenanntes 
L o k o g e t r e i d e , notirt würden, und war nicht wenig erstaunt, als ich schon 
in den ersten Tagen hin und wieder auch auf dem Frühmarkt „Zeitgeschäfte 
nach Börsengebräuchen" auf viele Monate hinaus notirt fand. Mittlerweile ist es 
Regel geworden, dass täglich Preise für Termingetreide am Frühmarkt zur amt- 
lichen Notiz gelangen, während die Lokonotizen, die sich auf die ver- 
schiedenen Qualitäten des an jedem Tage „nach Probe" gehandelten Getreides 
beziehen und daher tagtäglich in mehreren Preisen zum Ausdruck kommen 
mussten, immer mehr vernachlässigt wurden und in den letzten Wochen nur 
noch sporadisch auftreten. Einen sprechenderen Beweis, wie wesenlos der 
Berliner E ffektiv-Getreidehandel gegenüber dem Termin- und 
Spielgeschäft ist, hätte es gar nicht geben können. Ich habe mir die 
Mühe gemacht, aus den amtlichen Mittheilungen herauszuziehen, wie oft in den 
einzelnen Monaten L o k o g e t r e i d e in Berlin sowohl am Frühmarkt, als an 
der Mittagsbörse zur Notiz gelangte. Diese Angaben zeigen folgendes Bild- 
es wurde für sämmtliche in Berlin gehandelten Sorten Getreide folgende Anzahl 
Preise notirt: 



12 





F r ü h in arkt 
Weizen Roggen 


31 i 1 1 a g s b ö r s e 

Weizen Roggen 


April 

Mai 

Juni 

Juli 

August 

September .... 


19 

22 

9 

1 

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Der Berliner Frühmarkt ist also mit den Getreidemärkten in der Provinz, 
soweit Weizen und Roggen in Frage steht, gar nicht vergleichbar. Nur für 
„Futterartikel" erfüllt er einigermassen die allgemein gestellten Erwartungen, im 
Uebrigen -dient er fast ausschliesslich dem Termin- und Spielverkehr. Da das 
Königliche Polizei-Präsidium von Berlin nach den Notirungen des „öffentlichen 
Marktes in Berlin" im Reichs- und Staatsanzeiger die amtlich ermittelten Preise 
und zwar rubrizirt unter „gut, mittel, gering" täglich zu veröffentlichen hat, so 
ist seit 1. April 1900, also innerhalb 6 Monaten, ein korrekt aufgestellter amtlicher 
Berliner Getreidepreis fast gar nicht erhältlich gewesen. Das klingt unglaublich 
und ist doch eine von mir aktenmässig festgestellte Thatsache. Im Interesse 
weiter Kreise der Bevölkerung nicht minder als im Interesse des Staates kann 
dieser Zustand als ein auf die Länge der Zeit haltbarer nicht bezeichnet werden. 



Dr. W. Mancke, 

Vorsteher der 
der Preussischen Landwirthschaftskammern. 




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Dezember 



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I NEWYORK. 

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Auf Grund eigener Depeschen für jeden Tag in -Mark, per Tonne inclusive Fracht, rr 
Zoll und Spesen - frei Berlin — berechnet. 



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